SVG Eisenbahn-Erlebniswelt Horb am Neckar
Rosensteinbrücke mit SVG 363 689 und ET 65 005 am Samstag, 31. Mai 2015. Aufnahme: Rainer Vogler


Sonntag, 31. Mai 2015

Abschied vom "Roten Heuler" ET 65

Es kommt immer anders, als man denkt...

Seit Wochen haben sich die Mitglieder unseres Vereins FzS und unseres Eisenbahnunternehmens SVG mit der Abschiedsfahrt des ET 65 beschäftigt: Trassen und Fahrpläne wurden ausgearbeitet, ein Vermarktungskonzept erstellt, Fahrkarten gedruckt. Wohl wissend, dass dieser Tag ein besonderer werden wird: Endet doch nach rund 82 Jahren die Ära eines der wohl bekanntesten Fahrzeuge, die in der Region Stuttgart unterwegs waren. Was für die Stuttgarter Straßenbahn der GT 4, war für die Eisenbahn der ET 65, beide wohlgemerkt stammen aus der legendären Schmiede der Maschinenfabrik Esslingen (ME). Auch diese ist leider schon lange Geschichte. Auf dem ehemaligen Werksgelände in Esslingen-Mettingen residiert die Firma mit dem Stern, das seinerzeitige Verwaltungsgebäude der ME ist aber noch erhalten.

SVG 363 689 und der ET 65 zwischen Zuffenhausen und Feuerbach. Aufnahme: Roland Meier

SVG 363 689 und der ET 65 zwischen Zuffenhausen und Feuerbach. Aufnahme: Roland Meier


Wir wollten den "Roten Heuler" ET 65, genauer gesagt, den 465 005 samt seinem Steuerwagen 865 611 ein letztes Mal auf seinen klassischen Strecken verkehren lassen. Zwischen Stuttgart Hbf, Ludwigsburg, der Güterumgehungsbahn ("Schusterbahn") und Esslingen/Neckar. Und eben auch ohne Vorreservierung, ganz traditionell mit Fahrkartenverkauf durch den Schaffner im Zug.

Seine erste Abschiedsfahrt nahm das zweiteilige Gespann im April 2015 wahr: Eine Rundfahrt führte die Besucher in unser Eisenbahnmuseum. Danach verkehrte der ET 65 noch bei Charterfahrten. Und so wie wir es von ihm kannten: Ohne Murren, pflichtbewusst "heulte" er Kilometer um Kilometer seinem Ziel entgegen.

Am Sonntag, 31. Mai 2015 sollte dies genauso sein. Pünktlich um 8.30 Uhr trafen die Lokführer im Stuttgarter Abstellbahnhof ein und bereiteten den ET 65 für seine letzte große Fahrt vor. Doch beim Aufbügeln (d.h. Heben der Stromabnehmer) gegen 9.00 Uhr hatte der ET 65 wohl keine Lust mehr, vielleicht ahnte er, dass es heute sein letzter Tag ist. Zwei Isolatoren auf dem Dach versagten blitzschlagartig den Dienst, der Stromabnehmer senkte sich wieder. Mit der Köf wurde der "Rote Heuler" in den stromlosen Bereich gezogen, um die Schäden zu begutachten. Die Isolatoren waren gebrochen, an ein Aufbügeln nicht mehr zu denken. Zwar verfügt das Fahrzeug über einen zweiten Stromabnehmer, der völlig autark über einen Trennschalter vom ersten Stromabnehmer getrennt werden kann, doch das Risiko war zu groß, dass der Trafo etwas abgekommen hat. Die Enttäuschung beim Personal war groß

SVG 363 689 und der ET 65 zwischen Zuffenhausen und Feuerbach. Aufnahme: Roland Meier

SVG 363 689 und der ET 65 zwischen Zuffenhausen und Feuerbach. Aufnahme: Roland Meier


Kurzerhand haben wir gemeinsam die Entscheidung getroffen, dass wir trotzdem fahren. Wir ahnten schon, dass viele hundert Menschen am Bahnsteig warten würden, um den ET 65 ein letztes Mal zu sehen. Das Interesse war schon im Vorfeld Riesen groß. Ein Ausfall der Fahrten also unmöglich. Die eigene Diesellok, im Übrigen auch schon nostalgisch, 363 689-1 (Baujahr 1959, MaK Kiel, modernisiert 2001, Info zur Rangierlok V 60), soll den ET 65 an den Haken nehmen. Lok vorgeheizt, ET 65 schleppfähig gemacht, Bremszettel und Wagenliste ausgefüllt, Bremsprobe erledigt, Fahrt angemeldet. Und ab Richtung Hauptbahnhof. Mit 15 Minuten Verspätung.

So nahe liegen nun Freude und Enttäuschung beieinander: Bei Einfahrt Richtung Gleis 1 freuten wir uns über geschätzte 1.000 Personen am Bahnsteig, die dem ET 65 die letzte Ehre erweisen wollten. Die Enttäuschung stand den Besuchern ins Gesicht geschrieben, als klar wurde, dass es nichts werden wird mit dem charakteristischen Heulen des "Roten Heulers".

Die Menschen drängten sich in das zweiteilige Fahrzeug, es standen nur 124 Sitzplätze zur Verfügung. Alle Stehplätze waren besetzt. Und so ging die Fahrt begeleitet durch zahlreiche Fotografen und Videofilmer Richtung Ludwigsburg. Aufgrund von Bauarbeiten führte die Fahrt durch den Rangierbahnhof Kornwestheim. Dies hat man auch nicht alle Tage. In Ludwigsburg standen wieder hunderte Menschen, die den ET 65 in den Ruhestand begleiten wollten. Die Verspätung wurde größer, schließlich musste die Lok umgesetzt, eine Bremsprobe durchgeführt werden. Das dauert. Hier sieht man die Vorteile eines Trieb- und Steuerwagens wie den ET 65, doch diese Vorteile konnte er an diesem Tag nicht ausspielen.

Schade, er wäre so gerne alleine gefahren: ET 65 im Schlepp der V 60 kurz nach dem Schnarrenbergtunnel bei Stuttgart-Münster. Aufnahme: Roland Meier

Schade, er wäre so gerne alleine gefahren: ET 65 im Schlepp der V 60 kurz nach dem Schnarrenbergtunnel bei Stuttgart-Münster. Aufnahme: Roland Meier


Über die Güterumgehungsbahn machten wir uns auf die Reise Richtung Esslingen, vorbei an blühenden Hängen und Weinbergen, durch den imposanten Schnarrenbergtunnel, die verschlafene Station Stuttgart-Münster und das grandiose Viadukt über den Neckar. Ein unglaublicher Ausblick. Überall an der Strecke säumten Fotografen das Bild und hielten die unglaubliche und einmalige Fahrzeugkomposition für die Nachwelt fest.

Auch in seinem Heimatbahnhof Esslingen am Neckar wurde dem "Rentner" mit seinen 82 Jahren ein würdevoller Empfang beschert. Dort hat alles begonnen, im Jahre 1933. Unweit des Bahnhofes in der damaligen Bw-Außenstelle Esslingen wurden die Fahrzeuge 45 Jahre lang gewartet. Heute werden dort außerhalb der Hauptverkehrszeit die Baureihen 423 und 430 der S-Bahn Stuttgart abgestellt.

Bei der Rückfahrt konnte der ET 65 seine Hausstrecke genießen: Rosensteinbrücke und Rosensteintunnel, in wenigen Jahren Geschichte; ach ja, wie oft mag der Zug wohl hier gefahren sein, man kann es nicht mehr zählen. Aber mehrere Erdumrundungen hat er sicher auf dem Buckel bzw. auf den Achsen.

Einmaliges Bild: Der Sonderzug auf dem Viadukt bei Stuttgart-Münster. Aufnahme: Roland Meier

Einmaliges Bild: Der Sonderzug auf dem Viadukt bei Stuttgart-Münster. Aufnahme: Roland Meier


Im Hauptbahnhof gestaltete sich das Umsetzen schwieriger. Da hieß es erst zurück in den Abstellbahnhof, ET 65 umfahren, gleich noch die Diesellok tanken, und dann zurück zum Hauptbahnhof. Mittlerweile war es 14.30 Uhr, die zweite Fahrt hätte um 13.01 Uhr beginnen sollen. Diese musste nun ausfallen, und so hieß es zumindest pünktlich um 15.01 Uhr wieder zu starten.

Erst gegen 17.20 Uhr hieß es dann wirklich Abschied nehmen. Der ET 65 verließ geschoben von der V 60 das letzte Mal seinen geliebten Hauptbahnhof, an dem er 45 Jahre jeden Tag im Einsatz war, und auch mit seinen 82 Jahren war er noch mal hier. Wir arbeiten daran, dass er auch noch vor Vollendung des Bahnprojekts Stuttgart - Ulm, an seinem Bahnhof wieder ein- und ausfahren kann.

Haus- und Hofstrecke der ET 65. Auf Gleis 1 des Rosensteinbrücke bei Bad Cannstatt. Aufnahme: Roland Meier

Haus- und Hofstrecke der ET 65. Auf Gleis 1 des Rosensteinbrücke bei Bad Cannstatt. Aufnahme: Roland Meier


Die Mitglieder unseres Vereins, die Vereinsführung sowie die Betreibergesellschaft SVG bedauern, dass dieser technischer Defekt an seinem letzten Einsatztag und nach acht Jahren sorgenfrei Fahrt aufgetreten ist, der aber trotz größtmöglicher Sorgfalt nicht zu vermeiden gewesen ist, und bedanken sich bei allen Fahrgästen für das überwältigende Interesse an dieser letzten Fahrt des ET 65. Gleichzeitig entschuldigen wir uns auch bei all denen, die vielleicht von weit her angereist sind, keinen Platz mehr bekommen haben oder enttäuscht waren, das "Heulen" des ET 65 nicht mehr mitbekommen zu haben. Wir können dies gut nachvollziehen und teilen ihre Enttäuschung.

Der ET 65 wird nun in unser Museum "SVG Eisenbahn-Erlebniswelt Horb am Neckar" überführt. Wir werden noch in diesem Sommer damit beginnen, die Schäden am Stromabnehmer zu beheben und versuchen, im Rahmen unserer personellen, finanziellen und technischen Möglichkeiten, dass in den nächsten Jahren eine Hauptuntersuchung und Wiederinbetriebnahme des Fahrzeuges ermöglicht wird.

Wir danken unserem Team, ganz gleich ob Lokführer, Zugbegleiter, technische Betreuer und Fahrkartenverkäufer, für die geplante und auch spontane Hilfe am Sonntag. Ebenso wie allen, die vor, während und nach der Fahrt, ermöglicht haben, dass wir diese Fahrt (dennoch) durchführen konnten.

Text: Markus O. Robold, FzS e.V./SVG

Video der Fahrten von eisenbahn.tv und der Stuttgarter Zeitung:








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